Während der Zeit der römischen Okkupationsversuche rechts des Rheines (12 v. Chr. bis 16 n. Chr.) stellte der Bereich des Lippeverlaufes eine der Hauptachsen des römischen Vordringens in das Innere Germaniens dar. Die zahlreichen römischen Militärstützpunkte entlang des Flusses, Holsterhausen, Haltern, Oberaden und Anreppen, übernahmen den Schutz des logistischen Rückgrates für die Operationen des augusteischen Militärs.

Der umfangreichste und bedeutendste Komplex dieser Anlagen liegt bei Haltern, etwa 45 km östlich der Mündung der Lippe in den Rhein bei Wesel. Neben anderen Befunden, wie dem Hauptlager, den Anlagen auf dem Wiegel oder der Anlegestelle mit ihren Schiffshäusern auf der Hofestatt, ist es in Haltern gelungen, eine augusteische Nekropole aufzudecken, die in ihrer Zeitstellung und Geschlossenheit ohne Beispiel ist. Die römischen Gräber liegen in einer nach Osten leicht ansteigenden Geländesenke zwischen dem Silverberg im Osten und dem Annaberg im Westen, auf einem zur Lippe im Süden hin abfallenden Sandrücken. Insgesamt ließen sich während der Grabungen rund 100 römische Gräber aufdecken, die entlang zweier Straßen aufgereiht waren. Trotz der kurzen möglichen Belegungszeit der Nekropole, ca. 5 v. Chr. bis maximal 16 n. Chr., lassen sich archäologisch vier Belegungsphasen innerhalb des Gräberfeldes unterscheiden.

Die Bestattungen und Grabbauten von Haltern stehen in der Tradition der Gräber und Grabbauten italischer Gräberstraßen. Dieser Umstand überrascht nicht, denn bei den meisten Truppenangehörigen handelte es sich um Personen aus dem italischen Kulturkreis, die ihre Grabsitten und ihre Vorstellungen vom Aussehen ihrer Gräber mitbrachten und versuchten, diese mit dem am Ort vorhandenen Material umzusetzen. Gallische oder einheimische Komponenten, die vielleicht auch auf Hilfstruppen hinweisen könnten, sind bislang nicht auszumachen. Die römischen Gräber in Haltern sind Bestandteil einer römisch geprägten Grabkultur inmitten eines völlig fremden kulturellen Raumes.

 

Dr. Stephan Berke promovierte 1987 an der Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster mit der Arbeit: "Der Export von Bronzegefäßen und Terra Sigillata in die Germania libera." Er ist Lehrbeauftrager für provinzialrömische Archäologie an den Universitäten Münster und Trier. Mit seinem Team hat Dr. Berke die ausgegrabenen Befunde und Funde des römischen Gräberfeldes von Haltern aus den Jahren 1992 bis 2008 aufarbeitet. Bereits 1989 veröffentlichte er einen Artikel zum Gräberfeld in Haltern (in Bodenaltertümer Westfalens 26: Die römische Okkupation nördlich der Alpen zur Zeit des Augustus).

Wir freuen uns, diesen ausgewiesenen Fachmann für provinzialrömische Archäologie für den Vortrag am 08.04.2011 im Alten Rathaus in Haltern am See gewonnen zu haben.