Haltern in Westf. 1933 - 1945

Diese Seite und die dazugehörigen Folgeseiten sind ein Projekt des Vereins zur Erinnerungskultur und der Geschichte der Stadt Haltern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Seiten werden laufend erweitert und wir gehen davon aus, dass wir das Projekt in diesem Jahr noch nicht abschließen können. Wir sind ständig auf der Suche nach (Bild-) Material zu Haltern aus der Zeit 1914 - 1950. Sollten Sie uns bei dem Projekt helfen können, nehmen Sie bitte mit dem Web-Master Kontakt auf. Insbesondere bitten wir um Hinweise, wenn uns in der Darstellung (basierend auf Befragungen noch lebender Zeitzeugen) Fehler unterlaufen sein sollten.

 

Vom 1. Weltkrieg bis 1933: Anfänge der NS-Herrschaft

Im Jahre 1920 wurde der Völkische Beobachter die offizielle Parteizeitung der NSDAP. 1921 wurde Hitler Parteivorsitzender. Im gleichen Jahr wird die SA gegründet. Schon früh begannen Anhänger Hitlers deutsch-völkische Gruppierungen in die NSDAP einzubinden. Die Entwicklung der Halterner NS-Organisation begann 1921, als ein Oberkellner Schubert den Halterner Deutsch-Völkischen-Block ("Kronenklub") in die NSDAP führte.

aus: Philipp Schaefer, Geschichte der Stadt Haltern, Münster 1939

Parallel dazu begann der Aufbau der Halterner SA. Nach Schuberts Weggang von Haltern übernahm Dr. Hubbert die Parteiführung. Das Verbot der NSDAP in Preußen am 18.11.1922 (bis zum 27.02.1925) hinderte Hubbert nicht, durch Anwerbung neuer Mitglieder die Basis der NSDAP in Haltern zu vergrößern. Bis zu seinem Tod im Februar 1926 stieg die Zahl der Mitglieder von 30 auf 100.

Nach Gründung der HJ auf einem NSDAP-Parteitag am 3. Juli 1926 begann auch in Haltern der Aufbau der HJ-Organisation. Die Halterner SA war bereits in der 2. Hälfte der 1920er Jahre stark genug, um auch auswärts auf Parteiveranstaltungen der NSDAP eingesetzt zu werden.

Bernhard Gerwert, ein junger Sythener SA-Mann verstirbt im April 1928 an einer Blindarmentzündung. Die NSDAP erfindet einen politischen Mord und stilisiert Gerwert in der Folgezeit zu einem "Blutzeugen der Bewegung".

Die Halterner Nationalsozialisten schreckten in ihrem Terror gegen Andersdenkende vor Mord nicht zurück: "Im Juli 1932 wurde der Reichsbannermann Willi Rickert aus Dülmen auf dem Westring in Dülmen vor dem Haus Nr. 40 von einer Gruppe SA-Leute durch Bauchschuß tödlich verletzt. Die Leitung des Überfalls hatte der SA-Sturmführer Josef Korber aus Haltern." (Lit. 10) Außer Korber waren auch andere namentlich nicht bekannte SA-Männer aus Haltern beteiligt. 1938 rühmt der NSDAP-Ortsgruppenleiter Illian die Halterner SA: "Sie entstanden, geführt von den aktivsten und kompromißlosesten Kämpfern, den Pg. Josef Korber und Heina [Heinrich] Capitaine." (Lit. 4)

Bis zum 30. Januar 1933 hatte die NSDAP mit ihren verschiedenen Unterorganisationen in Haltern Fuß gefasst: es existierten u.a. NS-Frauenschaft (ab 1932), Hitler-Jugend, SA und SS (ab April 1932).

(Daten aus: Friedrich Illian, Der Kampf für das III. Reich, in: Philipp Schaefer, Geschichte der Stadt Haltern, Münster 1939, S. 373ff; NS-Autoren neigten zu einer Glorifizierung der "Anfangstage der Bewegung". Es ist nicht gesichert, dass Illians Angaben zur Mitgliederstärke der NSDAP korrekt sind.)

 

Zeittafel Haltern 1933 - 1945

(Diese Zeittafel - erstmals von der Stadtbücherei Haltern Ende der 1980er Jahre herausgegeben - wird laufend ergänzt.)

1933

-

Name in der NS-Zeit
alter / heutiger Name
Bernhard Gerwert-Straße
Sixtusstraße
Ludwig Knickmann-Straße
Recklinghäuser Straße / Rochford Straße
Adolf Hitler-Platz
Römerplatz/Kardinal Graf von Galen-Platz
Hindenburg-Wall
Friedrich Ebert-Wall / Hochstraße B 58
Horst Wessel Schule
ehemalige evangelische Schule, Ecke Römer-/Lavesumer Straße
Ludwig Knickmann Schule Annaschule, Drususstraße
Richthofschule
Marienschule

 

Bernhard Gerwert: Gerwert war ein sog. NSDAP-Blutzeuge. Der 17 jährige Sythener SA-Mann Gerwert soll entsprechend der NS-Propaganda im April 1928 von vier Kommunisten ermordet worden sein. Nach Kriegsende erklärt sein Vater, dass Bernhard Gerwert an einen Blindarmentzündung gestorben sei.

Ludwig Knickmann wurde von den Nationalsozialisten zum Freiheitskämpfer stilisiert. Er verübte Sabotage in dem von Franzosen besetzten Ruhrgebiet. Am 21.06.1923 wird er bei einem Schußwechsel mit einer Militärpatrouille verletzt. Knickmann ertrinkt beim Durchschwimmen der Lippe.

Marktplatz, ca. 1933

Marktplatz (ca. 1933)

 

1934

1935

1936

1937

Handwerkerausstellung in Haltern

Handwerkerausstellung 1937 auf dem Marktplatz in Haltern

1938

Wir kamen mittags aus der Rektoratsschule - das war eine weiterführende Schule von Klasse 5 bis 9 - in Richtung Rathaus. Wo heute das Geschäft Kleinefeld ist, da lag der ganze Hausstand. Für uns war das was. War ja interessant für uns, wenn die Klamotten durchs Fenster fielen. Auf dem Feld gegenüber dem Hause Cohn wurde alles verbrannt: Kleiderschrank mit Kleidern, Bett usw. Ich hab da keinen in Uniform gesehen. Es fing schon an, dunkel zu werden. Die Nachbarn standen distanziert im Hintergrund. Für uns war das interessant. Auch bei Cohn flogen die Sachen auf die Straße.      (Augenzeuge)

Haltern, 9. November 1938, Rekumer Straße

1939

 Meyers großem Hausatlas, Leipzig 1938

Die östliche Grenze des "Deutschen Interessensgebietes" stimmt annäherungsweise mit der Teilungslinie überein, die Ribbentrop und Molotow in den Moskauer Verhandlungen festgelegt hatten.

1940

1941

Clemens August Kardinal Graf von Galen (* 16. März 1878 in Dinklage,[1] Oldenburger Münsterland; † 22. März 1946 in Münster, Westfalen

Clemens August Graf von Galen (Kurzbiografie vom Shoah Resource Center, Yad Vashem)

1942

1943

1944

1945

PRISONERS OF WAR

THE PRIMEMINISTER spoke of the embarrassment caused us by the large number of Russian prisoners in the west. We had about 100,000 of them. 11,000 had already been transported home, and 7,000 more would leave this month. He wanted to know the Marshal's wishes about the rest.


MARSHAL STALIN hoped they could be sent to Russia as quickly as possible. He asked that they should not be ill-treated and that they should be segregated from the Germans. The Soviet Government looked upon all of them as Soviet citizens. He asked that there should be no attempt to induce any of them to refuse repatriation. Those who had agreed to fight for the Germans could be dealt with on their return to Russia.

 

National Archives UK, Catalogue Reference: cab/66/63/12

 

[item image]

Bildfolge aus: FDR Presidential Library,USA, Video 348, Nazi Concentration Camp Footage: U.S. Army. Director George Stevens. As the Allies reached Germany, General Eisenhower ordered George Stevens to film the concentration camps. The camps are filmed and survivors interviewed. This film was evidence at the Nuremburg Trials.

Aus den Akten des War Office London (National Archives UK in Kew):

Following a period of intense preparation and regrouping, the Ninth U.S. and Second British Armies launched their assault across the Rhine on the night of the 23rd/24th. The attack was delivered on a front stretching from N.E. of Rheinberg to north of Rees and was preceded by heavy artillery and bomber attacks. Footholds were rapidly gained on the far bank and on the morning of the 24th two airborne divisions were successfully dropped north of Wesel. These airborne forces captured bridges over the River Ijssel and linked up with the ground troops within a few hours. By the 25th a firm hold had been established on a front of 25 miles.

On the right the Ninth XLS. Army pressed forward east of Dorsten, while in the centre the Second British Army were 15 miles east of Wesel and had cleared Haltern and Borken. On the left resistance has been fierce but British troops have cleared Rees and are steadily forcing the enemy back. Isselburg was captured on the 28th and on the extreme left of the front, forward troops are on the outskirts of Emmerich.

  THE BRITISH ARMY IN NORTH-WEST EUROPE 1944-45

Churchill Panzer der 6th Guards Tank Brigade mit aufgesessenen Fallschirmjägern der 17th US Airborne Division auf dem Weg von Dorsten nach Haltern ( 29 März 1945)

THE BRITISH ARMY IN NORTH-WEST EUROPE 1944-45© IWM (BU 2739)

Aus dem Tagebuch einer Zeitzeugin:

"Wir schreiben jetzt schon den 5. April. Eine ganze Woche sind die Amerikaner schon hier. Jeden Tag sehen wir Lastwagen mit deutschen Kriegsgefangenen durch unsere Stadt fahren. Manchmal winken sie uns zu, es ist ein trauriges Bild. Nun sind wir schon über eine Woche fort aus unserem Haus. Und wir sehnen uns danach zurück. Ich weiß, daß meine Eltern sehr darunter leiden. Was man von der Besatzung hört, ist nichts Gutes. Überall sind Fälle vorgekommen, wo Mädchen und Frauen vergewaltigt wurden. Ich hatte immer eine ungeheure Angst davor. Ich ließ mich überhaupt nicht auf der Straße sehen. Nur eines Morgens kam ein Amerikaner in unser provisorisches Heim, um eine Kontrolle durchzuführen. Es war ein Soldat der Militärpolizei. Er gab zuerst meinem Vater Zigaretten. Nach einer Weile kam er wieder und brachte auch mir Schokolade und Zigaretten. Dieser Amerikaner hat uns sehr imponiert. Er war eine rühmliche Ausnahme.

In unser Haus können wir jetzt nicht mehr. Das ganze Viertel, in dem wir wohnen, ist mit einem Zaun aus Stacheldraht umgehen, der einem jede Annäherung verwährt. Wir hausen jetzt in den Trümmern unserer Stadt. Etwas Ordnung haben wir schon wieder geschafft. Man könnte verzweifeln wenn man sieht, daß man gar nicht vorwärts kommt. Aber die Arbeit hilft uns über vieles hinweg. Die ständige Sorge, den Magen zufüllen, hält uns in Bewegung. Das ist aber nur der Anfang. Stundenlang steht man Schlange, um ein halbes Brot zu bekommnen. Fleisch gibt es schon seit 14 Tagen nicht mehr. Wie wird das nur weitergehen?"

 

Durch Lautsprecherdurchsagen werden die Bewohner der Häuser zwischen Weseler – und Römerstraße aufgefordert, ihre Wohnungen für einige Stunden zu verlassen. Die Häuser durften nicht abgeschlossen werden. Dies war der Beginn einer dreijährigen Beschlagnahme eines ganzen Stadtviertels durch die Alliierten. Im Westteil der Stadt wurden insgesamt 414 Wohnhäuser zur Unterbringung von ausländischen Zwangsarbeitern durch die US-Armee beschlagnahmt. Dieser Stadtbereich wird mit Stacheldraht eingezäunt. Es gibt drei Tore zum restlichen Bereich der Stadt. In dem so geschaffenen Lager wurden durch die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) Displaced Persons (DPs) betreut bis diese wieder in ihre Heimatländer bzw. in ein drittes Land ausreisen konnten. In der Folgezeit - bis zur Auflösung des Lagers im März 1948 - kommt es wiederholt zu Plünderungen, Diebstahl und Mord durch ehemalige Zwangsarbeiter.

 

Life-Ausgabe vom 14. Mai 1945

 

Taktisches Hauptquartier der 9. US-Armee in der Römerstraße

Generalleutnant William H. Simpson (5. v.l.) mit seinem Stab in Haltern

 

Bilder aus dem Film (Film ansehen als mpeg4 - 208MB )

1946

 

 

1947

1948

Die Meinung, dass der Nationalsozialismus eine gute Idee war, aber schlecht ausgeführt wurde, nahm im Betrachtungszeitraum von ca. 40% auf 54% zu, die Meinung, dass es eine schlechte Idee war, sank von ca. 43 % auf 38 %.

1950

2008

 

 

Zusammengestellt (und erweitert) aus:

  1. Chronik der Stadt Haltern: bemerkenswerte heimatgeschichtliche Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge / hrsg. anläßlich der Archivalienausstellung vom 16. - 22. Juni 1963 von der Stadtverwaltung Haltern.
  2. Muhle, Josef: Kleine Chronik des Städtischen Gymnasiums Haltern, Haltern 1981.
  3. Schneider, Hans-Günther / Nockemann, Georg / Brilling, Bernhard: Die Geschichte der Juden in Haltern, Haltern 1982.
  4. Philipp Schaefer, Geschichte der Stadt Haltern, Münster 1939
  5. Philipp Schaefer, Haltern 1939 - 1948, bearbeitet von Gerd Schaefer, Haltern 1995
  6. Franz Luermann, Stadtchronik - 2000 Jahre Haltern, Haltern 2001
  7. Bestände des National Archives, Kew, UK
  8. Adolf Vogt, Vestische Hitlerjugend - Der "Bann 252 (Vest)", Recklinghausen 2004
  9. National Archives UK, Kew, WO 235: Haltern Case und WO 235/347
  10. Ortwin Bickhove-Swiderski, Nationalsozialisten erschießen Wilhelm Ricker — Mitglied des Reichsbanners in Dülmen, in: Dülmener Heimatblätter 2004, Heft 1

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