Alexander Lebenstein (* 3. November 1927 in Haltern/Westf. - † 28. Januar 2010 in Virginia, USA)

Alexander Lebenstein in der Realschulke in Haltern am See

Alexander Lebenstein wurde am 3. November 1927 in Haltern als viertes Kind und einziger Sohn des Metzgers Nathan Lebenstein (geb. in Haltern am 21. 4. 1880) und seiner Frau  Lotte geb. Josefs (geb. am 18. 9. 1884 in Jever) geboren. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 lebte die Familie unbehelligt und bescheiden in ihrem Haus Disselhof 36. Das zuvor ausgeglichene Verhältnis der Einwohner untereinander veränderte sich nach 1933 durch die politische Hetzpropaganda der Nationalsozialisten deutlich.

So soll 1935 auch in Haltern erstmals ein Schild mit der Aufschrift: „Juden unerwünscht“ aufgetaucht sein. Am 9. November 1938 waren die Menschen bereits so sehr von der staatlichen Propaganda beeinflusst, das in der so genannten Reichskristallnacht (Reichspogromnacht) dann auch in Haltern die Ereignisse eskalierten. Zwar blieb es in der Nacht, als bereits in anderen Städten die Synagogen brannten, in Haltern alles ruhig, doch am Vormittag des 10. November brach sich der staatlich verordnete Judenhass auch in Haltern seine Bahn. Beginnend in der Rekumer Straße und Merschstraße plünderte der aufgehetzte Mob die Wohnungen ihrer jüdischen Mitbürger, verbrannten deren auf die Straße geworfenen Möbel und demolierten die Synagoge.

Kurz nach Mittag erreichten die großteils uniformierten SA-Männer in Begleitung der Hitlerjugend das Haus Nathan Lebensteins. Auch hier wurde die Familie bedroht, die Menge drang in das Haus ein, die Möbel wurden auf die Straße geworfen und angezündet.In Todesangst konnte die Familie gerade noch flüchten, fand aber dank der Halterner Bürgerin Aenne Sondermann-Plum zunächst Unterschlupf in deren Haus.

Nach dem sich die Lage wieder beruhigt hatte, wurden sämtliche noch in Haltern lebenden jüdischen Bürger im Haus Münsterstr. 28 untergebracht und nach und nach deren Besitzungen enteignet. Dennoch wurden die inzwischen fast mittellos dastehenden Menschen weiterhin von staatlichen Stellen drangsaliert. 1942 erfolgte die Deportation der Familie nach Riga.

Lediglich Alexander überlebte den Holocaust und kehrte nach Kriegsende nach Haltern zurück. Da er schnell merkte, hier nicht mehr willkommen zu sein, entschloss sich Alexander Lebenstein 1947 dazu, in die USA zu seiner bereits 1939 emigrierten Schwester Alice (geb. 16. 7. 1920)  nach Richmond (Virginia) auszuwandern. Später baute er sich in New York eine neue Existenz auf. Bis zur Gebietsreform von 1975 hatte es in Haltern nicht einmal den Versuch einer Geschichtsaufarbeitung  gegeben.

Erst Ende der 70er Jahre holte den Rat der Stadt das Thema im Zuge der Diskussion um die Anbringung einer Gedenktafel am Halterner Rathaus ein. 1980 folgte der Beschluss sich zukünftig an der „Woche der Brüderlichkeit“ zu beteiligen.Da allerdings auch öffentlich immer wieder der Versuch unternommen wurde, die Ereignisse der NS-Zeit zu verharmlosen, wurde der 1899 gegründete Verein für Altertumskunde und Heimatpflege, der ab 1935 selbst unter dem Naziterror zu leiden gehabt hatte, gebeten, die in Haltern und vor allen Dingen in Münster vorhandenen Quellen zu sichten und zusammenzustellen. In Absprache mit der Stadtverwaltung wurde das Vereinsmitglied Hans Günther Schneider beauftragt, zunächst die Geschichte der jüdischen Gemeinde in den 30er und 40er Jahren in Haltern zu recherchieren.

1981 legte Schneider einen knapp 40seitige Abstrakt vor, der in der Hausdruckerei der Stadtverwaltung vervielfältigt und sämtlichen Ratsmitgliedern zur Verfügung gestellt wurde. Auf Grund dieses „Abstrakts“, wurde Schneider gebeten, seine Arbeit auszuweiten und als Buch herauszubringen. Es erschien 1982 unter dem Titel : „Die Geschichte der Juden in Haltern“, und darf als eine der ersten lokalen Veröffentlichungen zu diesem Thema gelten, die ein westfälischer Geschichtsverein herausgebracht hat. Schneiders Buch konnte in der Folge genau jene wohltunende Wirkung in der Auseinandersetzung mit der eigenen lokalen Geschichte des „Dritten Reiches“ erzeugen, die sich Stadtverwaltung und Verein erhofft hatten.

In der Folge entstanden vor allem eine Vielzahl von Schulprojekten und es erschienen weitere kleinere und größere Veröffentlichungen die Schneiders Arbeit ergänzten und fortführten.  Eines dieser Schulprojekte animierte 1994 zwei Schülerinnen der Halterner Realschule dazu, sich mit Alexander Lebenstein (dem inzwischen einzigen Überlebenden des Holocausts) in Verbindung zu setzen. Aus diesem ersten Kontakt entstand ein Briefwechsel, an dessen Ende sich Alexander Lebenstein nach anfänglich strikter Ablehnung dazu entschloss, die Einladung seiner ehemalige Heimatgemeinde anzunehmen und doch noch einmal nach Deutschland zu reisen. Die jungen Menschen eroberten sehr schnell sein Herz und veränderten nachhaltig sein Leben.

Erstmals begann er öffentlich - in Kirchen, Schulen, Bibliotheken und im Viginia Holocaust Museum über sein Leben und seine schrecklichen Erlebnisse zu sprechen. Es folgten vier weitere Besuche, und zwischen dem inzwischen „lebensweisen“ Alexander Lebenstein und den jungen Menschen entwickelte sich ein ganz außergewöhnliches und tiefes Verständnis füreinander, was ihn dazu veranlasste, ein ganz persönliches Versöhnungswerk, den  "Alexander Lebenstein Fund für Toleranz und Menschenrechte“ ins Leben zu rufen. Alle, die ihn kennen lernen durften, beeindruckte die Art und Weise, wie der „alte Herr“ seine eigenen Vorbehalte überwand und mit den Halterner Jugendlichen an einer Zukunft ohne Rassenhass arbeitete.

Von dieser Haltung tief beeindruckt, regte der jetzige Bürgermeister Bodo Klimpel am Holocaustgedenktag 2008 dazu an, doch Alexander Lebenstein auf Grund seiner persönlichen Verdienste und seines Versöhnungswillens die Ehrenbürgerwürde der Stadt Haltern anzutragen. Nach dem eigentlichen Festakt am 5. Juni 2008 erfolgte in diesem Zusammenhang die Umbenennung der städtischen Realschule in „Alexander-Lebenstein-Realschule der Stadt Haltern am See“. Im selben Jahr veröffentlichte Alexander Lebenstein mit Hilfe des Journalisten Don Levin seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „The Gazebo“ (Die Gartenlaube). Gut eineinhalb Jahre später, am 28. Januar 2010, verstarb der bedeutende Versöhner im Alter von 82 Jahren. Der Halterner Realschule vermachte er 30.000 US-Dollar aus seinem Vermögen.

Seine englischsprachige Biographie kann auf der Web-Seite www.thegazebobook.com gelesen werden.

 

Immer wieder gilt es, aufzustehen gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen totalitäre Ideologien und Kriegstreiberei. Genau dafür stand auch eines der Nazi-Opfer – unser Halterner Ehrenbürger Alexander Lebenstein. Der Halterner Junge hat im Kindesalter den Nazi-Terror erleben müssen und hat Gottseidank die Konzentrationslager überlebt. Er hat uns vorgelebt, was es heißt zu vergeben.

Alexander Lebenstein hat einen ganz erheblichen Beitrag geleistet, sich für Toleranz und gegen Antisemitismus und gegen Gewalt einzusetzen. Er hat gerade unserer Halterner Jugend und ebenso auch den jungen Menschen in den USA vorgelebt, wie wichtig diese Aufgabe aller Demokraten ist. Morgen genau jährt sich sein Todestag, er starb vor einem Jahr in den USA, wir werden ihn sowie sein Denken und Handeln nie vergessen.

Bodo Klimpel, Bürgermeister der Stadt Haltern am See, 27. Januar 2011

 

Veröffentlichungen:

 

Weitere Veröffentlichungen zu diesem Thema:

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