Haltern und die Römer

 

Das Geschehen

Unter Augustus versuchte Rom, dass bisher freie Germanien (Germania Magna) als Provinz in das römische Imperium einzugliedern. Die Grenze des Imperiums sollte vom Rhein bis an die Elbe vorgeschoben werden.

Quintili Vare, legiones redde! (Augustus: * 23. September 63 v. Chr. als Gaius Octavius in Rom; † 19. August 14 n. Chr. in Nola bei Neapel) - Germania Magna

Eine Marschroute der Römer verlief entlang der Lippe nach Osten. Zur Sicherung des Vormarsches wurden an der Lippe Kastelle angelegt. Ein wichtiger Stützpunkt der römischen Armee lag im heutigen Haltern am See.

 

Quelle: YOUTUBE Internet-Veröffentlichung des Medienkanals des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe

 

In der Schlacht im saltus Teutoburgiensis besiegte Arminius mit verbündeten germanischen Stämmen 3 römische Legionen (XVII, XVIII und XIX) unter der Führung von Varus und machte dieses Vorhaben zunichte.

Publius Quinctilius Varus * 47/46 v. Chr. in Cremona; † 9 n. Chr in Germanien (Münze aus Nordafrika) Photo: J. Lendering / M. Prins

Aus römischen Quellen (Cassius Dio):

„Denn das Gebirge war voller Schluchten und Unebenheiten, und die Bäume standen so dicht und waren so übergroß, dass die Römer auch schon ehe die Feinde über sie herfielen, sich, wo nötig, abmühten, die Bäume zu fällen, Wege zu bahnen und Dämme zu bauen.
Und wenn dazu noch Regen und Sturm kam, zerstreuten sie sich noch weiter. Der Boden aber, schlüpfrig geworden um die Wurzeln und Baumstümpfe, machte sie ganz unsicher beim Gehen, und die Kronen der Bäume, abgebrochen und herabgestürzt, brachte sie in Verwirrung.
[…] umstellten die Germanen sie plötzlich von überall her gleichzeitig durch das Dickicht hindurch, da sie ja die Pfade kannten, und zwar schossen sie zuerst von fern, dann aber als sich keiner wehrte, doch viele verwundet wurden, gingen sie auf sie los.

Bülau, Deutsche Geschichte in Bildern, Gera 1876


Es war unmöglich, 1. in irgendeiner Ordnung zu marschieren […], 2. konnten sie sich auch nur schwer zusammenscharen, und waren Schar für Schar immer weniger als die Angreifer, […]
Daher schlossen sie die Römer mühelos ein und machten sie nieder, so dass Varus und die Angesehensten aus Furcht, gefangen genommen oder getötet zu werden – denn verwundet waren sie schon – sich zu einer furchtbaren, aber notwendigen Tat entschlossen. Sie töteten sich selbst.
Als dies bekannt wurde, wehrte sich auch keiner mehr, auch wenn er noch kräftig war, sondern die einen taten es ihrem Anführer nach, die anderen warfen die Waffen weg und überließen sich dem, der sie töten wollte. Denn fliehen konnte keiner, wenn er es auch noch so gerne wollte.“

Zeichnung des Grabmals des M. Cälius, gefallen in der Schlacht im Teutoburger Wald, Weimar 1842 - Photo des Grabmals

Nach diesem Sieg konnten die verbündeten germanischen Stämme auch die Römerlager an der Lippe erobern. Nur ein Lager behauptete sich gegen die Germanen: Aliso.

 

Die Rezeption

Die Varus-Katastrophe wurde bereits von den Zeitgenossen aufgenommen und kommentiert. Zu den bis heute erhaltenen Quellen gehören:

Autor Werk
Entstehungszeit
Ovid Tristia III, 12, 45–48 und IV, 2
10 und 11 n. Chr.
Marcus Manilius Astronomica, I, 896–903
vor 14
Strabon Geographica, VII, 1, 4
vor 18
Velleius Paterculus Historiae Romanae, II, 117–119
30
Tacitus Annales, I, 59–62
Anfang des zweiten Jahrhunderts
Sueton De vita Caesarum, Vita Divi Augusti, 23 und 49, Vita Tiberi, 17 und 18
veröffentlicht nach 120
Florus Epitome de T. Livio Bellorum omnium annorum DCC Libri duo, II, XXX, 29–39
im frühen zweiten Jahrhundert
Cassius Dio ‘Ῥωμαϊκὴ ἱστορία (Römische Geschichte), LVI, 18–22
Anfang des dritten Jahrhunderts

Keiner dieser Autoren war Zeuge der Schlacht. Tacitus und Cassius Dio benutzten wohl unterschiedliche (heute verlorene) Geschichtswerke als Quellen. Die literarische Überlieferung bietet jedoch nur die römische Perspektive auf das Ereignis. Quellen, die den Hergang aus germanischer oder anderer Sicht schildern, fehlen. Alle römischen Autoren fällen ein negatives Urteil über Varus. Dieses Urteil könnte nicht unwesentlich von dem Bestreben geprägt sein, einen eindeutig Schuldigen für den Untergang der römischen Legionen zu finden.

Viele der römischen Quellen waren zum Ausgang des Mittelalters in Vergessenheit geraten. Tacitus´Annales (handschriftlich überlieferter Titel: Ab excessu divi Augusti - „ab dem Tod des vergöttlichten Augustus“) bestanden ursprünglich aus 16 oder 18 Bänden, die aber nur teilweise bis heute überliefert sind. Diese Texte überlebten nicht in Italien, sondern im "barbarischen Germanien". Im 9. Jahrhundert wurden die Annales im Kloster Fulda kopiert. Eine Abschrift gelangte ins Kloster Corvey bei Höxter, wo sie 1508 von einem weltlichen Gelehrten wiederentdeckt wurden. Die ersten sechs Bücher wurden etwas später im Auftrag italienischer Humanisten gestohlen. Papst Leo X. gelangte in den Besitz der Abschrift und veranlasste die Veröffentlichung. Sie befinden sich heute in der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz.

Die Germania des Tacitus hatte ein ähnliches Schicksal. Die Schrift hat nur in einem einzigen Exemplar die Zeit des Humanismus erreicht. Es wurde von einem Agenten Poggio Bracciolinis (* 11. Februar 1380 bei Arezzo; † 30. Oktober 1459 in Florenz; einer der wichtigsten Humanisten der italienischen Renaissance) in der Abtei Hersfeld aufgefunden und ca. 1455 nach Italien gebracht. Auch in diesem Fall wurde "vergessen", das "ausgeliehene" Buch zurückzugeben. Als erster hat sich Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., mit der Schrift befasst. Um Begeisterung für einen Kreuzzug gegen die Türken zu entfachen, wurde die Germania auf dem Regensburger Reichstag 1471 benutzt, indem die kriegerischen Eigenschaften der Germanen hervorgehoben wurden. Es waren aber erst die deutschen Humanisten, die auf Tacitus aufmerksam wurden (Conrad Celtis, Aventinus, vor allem Ulrich von Hutten). Von da an war das Interesse der Deutschen an dem, was sie als „ihre Urgeschichte“ betrachteten, nicht mehr erloschen, wenngleich jede Epoche ihre eigene, jeweils unterschiedliche Auslegung hatte. Die Humanisten schwärmten für die „germanische Reinheit“ und die Ursprünglichkeit ihrer „Vorfahren“. Erst mit Jacob Grimm und Karl Viktor Müllenhoff kam eine wissenschaftliche Betrachtungsweise hinzu.

Arminius - der Sieger

Aus dem Stammeskrieger Arminius wurde im Laufe der Jahrhunderte der deutsche Nationalheld Hermann. Arminius, der Sieger über drei römische Legionen wurde bereits frühzeitig - insbesondere in Notzeiten - als Befreier Deutschlands beschworen. Während des 30jährigen Krieges erscheint z.B. in Nürnberg das Buch: Der Teutsche Fürst Arminius. Im Titel wird betont, dass es in Teutscher Sprach herausgegeben wurde - ein Hinweis auf die Truppen des Auslands und die verschiedenen Interessen des Papstes (u.a. auf Bibliotheken als Kriegsbeute) im Reich während des 30 jährigen Krieges.

Johann Heinrich Hagelgans: Der Teutsche Fürst Arminius, Nürnberg 1640

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Arminius-Thema immer wieder in der Literatur aufgenommen. Arminius der Befreier Deutschlands, Varus stand für einen äußeren Feind - in der Regel Frankreich. Die wohl bekanntesten Bühnenstücke sind die Hermannsschlacht von Heinrich von Kleist (1808) und das unter demselben Titel verfasste Stück von Christian Dietrich Grabbe (1835). Ein weiteres Beispiel aus der damaligen deutschen Literatur ist Arminius, ein Trauerspiel in fünf Aufzügen von Karl Oberleitner. (Dieses Bühnenstück kann hier als pdf-File von Archive.org geladen werden.)

Das Thema wurde aber nicht nur in der deutschen Literatur aufgegriffen. Ein Beispiel aus der englischsprachigen Literatur kann hier eingesehen werden. Arminius steht in dem 1813 von Charles Knight geschriebenen Stück Arminius - a Tragedy auch für den Befreier - auch hier gegen das (napoleonische) Frankreich, mit dem das Königreich England und das verbündete Preußen im Kriegszustand lag.

Ein Beispiel aus der Malerei ist Caspar David Friedrichs: Das Grab des Arminius (1812), gemalt in einer Zeit, in der die deutschen Staaten von Napoleon besetzt waren:

Grab des Arminius, Caspar David Friedrich, 1812

1768 forderte Cornelius von Ayrenhoff (* 28. Mai 1733 in Wien; † 15. August 1819 ebd., Offizier in der österreichischen Armee und Schriftsteller) alle Fürsten Deutschlands auf, Arminius ein Denkmal zu setzen, um so die Nation mit den größten ihrer Helden bekannter zu machen und durch die Thaten ihrer Voreltern das Feuer der Tapferkeit und des erloschenen Patriotismus in ihr zu entflammen. In der Folge wurden zahlreiche Denkmäler projektiert, jedoch nicht verwirklicht. Eine Ausnahme war der Vorschlag des Bildhauers Ernst von Bandel, der wegen seiner patriotischen Gesinnung Arminius ehren wollte. Bandel ging davon aus, dass die Schlacht im Teutoburger Wald stattgefunden hatte. Die Entscheidung, das Denkmal auf der Grotenburg zu erbauen, wurde jedoch aus praktisch-ästhetischen Überlegungen getroffen. 1838 begann der Bau des Hermannsdenkmals. Zu diesem Zeitpunkt begann die Sammlung von Geld für das vom Ansbacher Bildhauer Ernst von Bandel geplante Hermanns-Denkmal. Der Sammlungsaufruf von 1838 kann hier geladen werden. Der Sammlungsaufruf war auch in Haltern bekannt, da er im Amtsblatt der Königlich Preußischen Regierung veröffenticht wurde. Aus der Provinz Westfalen sind für den Bau des Denkmals Spenden eingegangen. Ob sich auch Haltern daran beteiligt hat, ist nicht überliefert. Zu diesem Zeitpunkt (1838) waren bereits Funde von römischen Altertümern in Haltern bekannt. Niesert berichtet von römischen Fundstücke vom Annaberg im Wohnzimmer des Bürgermeisters.

Kurz nach dem Baubeginn des Hermannsdenkmals erschien 1844 Heinrich Heines Deutschland - Ein Wintermärchen, in dem er die nationale Begeisterung für den Arminius-Mythos ins Lächerliche zog:

... Das ist der Teutoburger Wald,
den Tacitus beschrieben,
das ist der klassische Morast,
wo Varus steckengeblieben.
Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,
der Hermann, der edle Recke;
die deutsche Nationalität,
die siegte in diesem Drecke.

Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Harry Heine; † 17. Februar 1856 in Paris)

Im Kladderadatsch wurde 1861 die aktuelle politische Situation in Deutschland mit dem entstehenden Denkmal karikiert:

 

(von der Web-Seite der digitalen Bibliothek der Uni Heidelberg)

 

In der deutschnationalen wilhelminischen Ära bekam auch Haltern i. Westf. seinen Hermann (1914). Dieser überlebte aber nur wenige Jahrzehnte. Er wurde "Großdeutsch recycelt" - eingeschmolzen und zu Granaten für den 2. Weltkrieg verarbeitet.

Überlebt - bis heute - hat nur ein Adler des Kriegerdenkmals. (Er steht auf dem Bauhof der Stadt.)

 

Varus - der Verlierer

In Haltern am See setzte man Varus, einem der bekanntesten Verlierer der Weltgeschichte ein Denkmal (2003). Es handelt sich um eine 2,40 m hohe Bronzeplastik des Bildhauers Dr. Wilfried Koch. Sie stellt den römischen Feldherrn Varus in dem Moment dar, als er seine katastrophale Niederlage erkennt und den Verrat durch seinen Freund Arminius begreift, der ihn in einen Hinterhalt gelockt hatte. Varus hatte die höchsten Funktionen im römischen Reich bekleidet. Er stammte aus altem römischem Adel und war mit Kaiser Augustus verwandt. Es wurde also ein hoch angesehener und fähiger Mann damit beauftragt, die Segnungen der römischen Zivilisation in Nordgermanien zu etablieren oder – je nach Betrachtungsweise – die Germanen zu romanisieren. Seine Niederlage gegen die verbündeten Germanen beruhte nicht auf Unvermögen, sondern auf einem Vertrauensbruch und Hinterlist. Ein auf diese Weise Gescheiterter verdient Sympathie und Respekt.

Publius Quinctilius Varus, Plastik von Dr. Wilfried Koch, 2003

Denkmal des Publius Quinctilius Varus (Haltern am See, v. Galen Park)

Die Hermannschlacht - eine Begriff, der sich in den letzten 50 Jahren wandelte.

 

Quelle: YOUTUBE Internet-Veröffentlichung des Medienkanals des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe

 

Haltern und die Römerforschung

Die Diskussion um die Varus-Niederlage im Jahre 9 n.Chr. wurde seit dem 19. Jahrhundert immer mit der Frage nach dem Standort der römischen Festung Aliso verknüpft. Auf einer Karte (1823) wird versucht, die Siedlungsgebiete der Germanischen Stämme und die römischen Heerstraßen in Germania Magna zu lokalisieren (externer Link zur Karte von 1823 ; Karte aus Mommsen, Römische Geschichte - Band V, 1885 ). Archivrat Christian Gottlieb Clostermeier diskutiert in seinem Buch: "Wo Hermann den Varus schlug" (Lemgo 1822) Neuhaus als möglichen Standort von Aliso:

Heinrich Schulz hält in seinem Buch: "Zur Urgeschichte des deutschen Volksstammes" (Hamm, 1826) weitere Standorte für Aliso, u.a. seinen Wohnort Hamm für denkbar.

 

Haltern i. Westf. als Fundort römischer "Altertümer" war schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bekannt. Bereits 1815 erkennt Pastor Niesert aus Velen im Wohnzimmer des Halterner Bürgermeisters römische Fundstücke, die vom Annaberg stammten. 1824 beschreibt Franz Fiedler Römerfunde an der Lippe und nennt u.a. Haltern als Fundort. Der Oberpräsident für Westfalen, Ludwig Freiherr von Vincke erwähnt in einem Brief, dass nahe beim „St. Annenberg“ bei Haltern drei Grabhügel samt römischer Funde ausgegraben worden waren. Pastor Niesert (Velen), der aus familiären Gründen oft in Haltern war und den Annaberg besuchte, veröffentlicht 1834 einen Fundbericht. Pastor Niesert hinterließ bei seinem Tod im Jahre 1841 "römische Altertümer", die u.a. auch aus Haltern stammten.

Von 1795 bis 1807 arbeitet Friedrich Carl Ferdinand Freiherr von Müffling gen. Weiß bei der trigonometrischen Vermessung Westfalens für die Le Coqsche Karte mit. (Hier war er "Kollege" des Mathematikers Carl Friedrich Gauß, der zwischen 1797 und 1801 ebenfalls an der Vermessung Westfalens teilnahm.) 1830 wird Carl von Müffling als kommandierender General des VII. Armeekorps nach Münster versetzt. Im Jahr von Nieserts Fundbericht (1834) beschreibt der spätere preußische Generalfeldmarschall von Müffling in einem von Ernst Siegfried Mittler (Berlin, Posen, Bromberg) verlegten Buch Über die Römer-Strassen am rechten Ufer des Niederrheins ein weiteres Römerlager in den Borkenbergen, welches durch Funde gesichert sei:

Friedrich Carl Ferdinand Freiherr von Müffling genannt Weiß (* 12. Juni 1775 in Halle; † 16. Januar 1851 in Erfurt)

Trotz der von ihm erwähnten Funde geht er davon aus, dass ein römisches Lager auf den Borkenbergen nicht das wichtigste Lager in der Gegend um Haltern gewesen sein konnte, sondern dass bedeutende römische Lager auf dem "St. Annenberge, ohnweit Halteren, gestanden haben, da diese Höhe mit allen militairischen Vortheilen den der Zugänglichkeit vereinigt, was bei den Borkenbergen nicht der Fall ist." Für einen Offizier sind Flüsse als Nachschubwege für die Truppen wichtig. Aus der römischen Literatur war um diese Zeit bekannt, dass die Lippe im 1. Jahrhundert als Verkehrsweg genutzt wurde. Veleda, eine Seherin der Brukterer, erhielt ein römisches Schiff zum Geschenk.

Römische Lager an der Lippe; links unten: Kastell auf dem St. Annaberg

Auf der Karte erkennt man die strategisch ausgezeichnete Lage des römischen Kastells auf dem Annaberg (linkes unten im Bild). Bis zum Bau der St. Anna Kapelle trug der Berg den Namen: Königsberg.

1830 begann auf dem Annaberg der Abbau von Steinen für den Wegebau. Hiebei wurden römische Münzen, Waffenteile und Werkzeuge gefunden, die zum Teil durch einen Leutnant aus Münster (Becker) sichergestellt wurden. Es ist anzunehmen, dass von Müffling über Leutnant Becker Kenntnis von den Funden vom Annaberg bekam. Es muss Spekulation bleiben, ob sich Carl von Müffling auch mit dem Oberpräsidenten Ludwig Freiherr von Vincke über die Grabanlagen am Annaberg persönlich ausgetauscht hat. Zwischen beiden Persönlichkeiten herrschten starke Spannungen aufgrund der extrem konservativen politischen Ansichten von Müfflings, was Gespräche über private Interessen nicht wahrscheinlich macht. Bis zu seiner Versetzung nach Berlin (30.03.1838, Ernennung zum Gouverneur von Berlin) förderte Carl von Müffling militär-historische Fragestellungen.

Im Frühjahr 1838 wurde Major Friedrich Wilhelm Schmidt nach Münster versetzt. Schon an seinen früheren Standorten hatte sich Schmidt mit der Geschichte der Römer in Germanien beschäftigt. Noch im gleichen Jahr führte er erste Untersuchungen auf dem Annaberg durch, über die er im Westfälischen Merkur (Münster) berichtete. Eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse gab er am 25. Oktober 1838 auf der Quartals-Versammlung des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde Westfalens in Münster. Schmidt erkannte nicht nur die römische Befestigungsanlage auf dem Annaberg, sondern von ihm stammt auch die erste veröffentlichte Nachricht von einem Gräberfeld in Haltern. Bei seinen Besuchen in Haltern erwarb Schmidt Fundstücke vom Annaberg, die entweder in den Besitz des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde Westfalen (Münster) kamen, oder die seine persönliche Sammlung ergänzten. Eine von ihm im Bereich der Weseler Straße gefundene bronzene Merkurstatuette aus seiner privaten Sammlung ist heute im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin.

Die Funde vom Annaberg führten zu Aktivitäten des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde Westfalens in Münster. 1838, im Jahr der Schmidt´schen Veröffentlichung in der Staatszeitung kam der Gedanke auf, die "steinernen Funde" vom Annaberg zu erhalten:

"Münster, 10. Dec. Die unter der Leitung des gelehrten Dr. Ehrhardts hier bestehende Abtteilung des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde Westphalens hat geeignete Schritte zur Erhaltung der früher erwähnten römischen Alterthümer bei Haltern an der Lippe gethan. Vorzüglich wird man sich die Conservation des römischen Brunnens auf dem Annenberge angelegen seyn lassen."

Heute ist die damalige Interpretation als römischer Brunnen nicht mehr gesichert. (Vielleicht ist dies der Grund, dass außer der Ankündigung einer "Conservation" nichts geschah, und die Reste des Brunnens noch heute auf dem Annaberg schlummern.)

Auch in Haltern wurden die Funde vom Annaberg beschrieben. In einer Halterner Chronik aus dem Jahre 1840 wird berichtet:

"In neuerer Zeit hat man die Behauptung gemacht, daß auf dem Annaberge ein römisches Lager gestanden habe. Diese Behauptung ist in der Tat nicht grundlos, sondern hat vieles für sich. Die Römer legten an der Lippe befestigte Plätze an. Der Annaberg ist ein von der Natur dazu gemachter Platz, denn er ist der einzige Höhepunkt nahe an der Lippe. Ehe dort Steine zu den Chausseen gebrochen wurden, fanden daselbst Schäfer Kupfer- Gold- und Silbermünzen. [.....] Alles dieses begründet die Behauptung, daß auf dem Annaberge ein römisches Lager (castra stativa) gewesen sei. [...] Das Meiste der gefundenen Gegenstände ist verschleppt und vernichtet, und nur einiges durch die Bemühungen des Pfarrers Niesert zu Velen [...] gerettet und erhalten worden."

(Der Halterner Chronist machte es sich einfach: Er schrieb - ohne Quellenangabe - "seinen" Text wörtlich aus der "Preussischen Staatszeitung" (1838, Nr. 294) bzw. aus der "Zeitschrift für die Alterthumswissenschaft", Darmstadt 1838, ab. Dieses Verfahren scheinen nicht nur Halterner Heimatforscher genutzt zu haben bzw. zu nutzen.)

Es verwundert nicht, dass bereits 1838 Haltern als Standort von Aliso angenommen wird. Im Dezember 1844 wird diese Vermutung zurückgewiesen. Aber 1848 liegt Aliso wieder bei Haltern:

Auch 1865 wird das römische Lager Haltern (Annaberg) wieder als Aliso beschrieben, mit Fachwerkgebäuden ("aus Erde und Holz") für die römischen Legionäre. (Neben Haltern waren in dieser Zeit auch andere Städte Westfalens als möglicher Standort von Aliso im Gespräch. Siehe hierzu u.a. M.F. Essellen, Das Römische Kastell Aliso der Teutoburger Wald und die Pontes Longi, Hannover 1857) . Eine "Kritik der Quellenberichte der Varianischen Niederlage im Teutoburger Wald" aus dem Jahre 1868 kann hier (2,3 MB) geladen werden. Dieses Buch enthält auch eine Übersicht über die Publikationen der damaligen Zeit.

Die Diskussionen um den Standort von Aliso erinnern im 19. Jahrhundert an "Glaubens"-diskussionen und basierten überwiegend auf der Interpretation der überlieferten römischen Quelltexte. In der Tradition dieser Diskussion betätigen sich einige Heimatforscher noch heute.

aus: Jahresberichte über die Fortschritte der klassischen Alterthumswissenschaften, Berlin 1878, Seite 252

Durch einige historisch interessierte Offiziere (der damaligen deutschen Länder) wurde die Diskussion um militärische Gesichtspunkte angereichert. Dies änderte sich erst zum Ende des Jahrhunderts.

1899 begannen in Haltern systematische Grabungen durch die gerade entstandene Altertumskommission für Westfalen. Sie begannen auf dem Annaberg und noch während diesen Arbeiten wurden weitere Lager in Haltern entdeckt. Constantin Koenen (1854-1929), der ab 1886 das Legionslagers Novaesium (Neuss) ausgrub, beschreibt diese ersten Grabungen in Haltern in den Rheinischen Geschichtsblätter (1902/1903, 6. Jahrgang, Seite 151 ff.). Dieser Artikel kann von dilibri (digitalisierte Sammlung der Landesbibliothek Rheinland-Pfalz, Koblenz) hier geladen werden. (Die Originalveröffentlichungen erschienen als Mitteilungen der Altertumskomission für Westfalen. Diese sind digital nicht verfügbar.)

In der Begeisterung über die erfolgreichen Ausgrabungen in Haltern erhielt der erste Führer durch das Ausgrabungsgelände 1902 den Titel: Aliso, Führer durch die Ausgrabungen bei Haltern (Carl Schuchhardt). Im Archäologiechen Anzeiger - Beiblatt zum Jahrbuch des Archäologischen Instituts, 1902, berichtet Alexander Conze zum Stand der Ausgragungen in Haltern.

Stand der Ausgrabungen in Haltern 1902 (Archäologiechen Anzeiger - Beiblatt zum Jahrbuch des Archäologischen Instituts, 1902, Seite 5)

Auch für andere Autoren (z.B. Max Bach, "Die Kriegszüge der Römer im nordwestlichen Deutschland und das Sommerlager des Varus", Rheinische Geschichtsblätter 1903/1904) erschien es gesichert, dass Aliso im heutigen Haltern lag. Die Ausgrabungen in den folgenden Jahren brachten aber keine Hinweise, dass das römische Lager Aliso im Stadtgebiet Halterns lag. Die in Haltern tätigen Archäologen waren sich der Zuordnung Haltern=Aliso nicht mehr sicher. Der Titel des 1922 von Friedrich Koepp verfasste Führer trug diesen Zweifeln Rechnung: Die Römerlager bei Haltern i. W. - Führer durch das Ausgrabungsgelände.

100 Jahre nach Beginn der wissenschaftlichen Ausgrabungen in Haltern (pünktlich zur 2000. Wiederkehr von Arminius´ Sieg über drei römische Legionen) werden Befunde aus neueren Halterner Ausgrabungen bekannt, die auf eine römische Besetzung des Lagers über das Jahr 9 n.Chr. hinaus hindeuten. Eine Identifizierung des Halterner Lagers als Aliso kann nicht ausgeschlossen werden (Zeitungsbericht zur Pressekonferenz des LWL-Römermuseums).

Albert von Bardeleben, 1838

aus: "Zweifel und Ansichten über die örtliche Lage des von Drusus im Jahre 11 vor Chr. erbauten Castells an der Lippe", Cassel 1839 (allerdings meinte von Bardeleben das Lager auf dem Annaberg - und nicht das heute diskutierte Lager.)

 

Ein sicherer archäologischer Nachweis für einen der diskutierten Aliso-Standorte ist aber bis heute nicht erbracht. Die Wahrscheinlichkeit, ein passendes Ortseingangsschild zu finden, erscheint nicht sehr hoch:

Insigne Viale Alison    (errare humanum est)

 

Personen, die mit den Ausgrabungen in Haltern, römischen "Altertümern" und dem Museum Haltern verbunden sind:

 

Internet-Mitteilungen zu Römern in Germanien