Alexander Conze:

DER RÖMERPLATZ BEI HALTERN IN WESTFALEN

Wenn wir bestrebt sind den Lesern unseres Anzeigers über besonders bemerkenswerte größere klassisch-archäologische Entdeckungen in eigenen kleinen Aufsätzen Nachricht zu geben, so darf das keinesfalls unterbleiben, für die seit einigen Jahren verfolgten Untersuchungen bei Haltern an der Lippe. Sie sind ebenso interessant als ein Stück archäologischer Arbeit, wie ihre Ergebnisse wichtig sind für die römische Geschichte und zwar gerade da, wo diese in unsere Heimat herübergreift. Die Kenntnis dieses Teiles der Geschichte ist bekanntlich in den letzten Jahren kräftig gefördert worden durch die Arbeiten der Reichs-Limes-Kommission. Es galt da der Untersuchung einer großen Anlage, welche als Denkmal der Festsetzung des Römertums auf germanischem Boden in handgreiflichen Resten auf uns gekommen ist. Die Gedanken der Forscher gingen aber darüber hinaus mit einer gewissen Sehnsucht dahin, wo, wenn auch schwächere Spuren des Römertums Zeugnis ablegen sollten für dessen weiteres Vordringen in unsere Heimat, das aber in für uns denkwürdiger Weise ohne bleibenden Erfolg war. Wieviel Bemühung war schon längst aufgewandt, um die Ereignisse topographisch aufzuklären, welche in dem Namen der Varusschlacht gipfeln. Natürlich sind es unsere militärischen Kreise gewesen, die auch an diesen Bemühungen teilgenommen haben, und der große Generalstab selbst hat mit Hand anlegen wollen. Aber in den zu Graf Moltke's Zeiten darüber geführten Verhandlungen wird der Rat des großen Feldherrn laut, den Weg zum Verständnisse der Kriegsbewegungen zu nehmen zuerst durch Festlegung der Punkte, welche den Operationen als Stütze dienten.  

Ein großer Erfolg im Sinne dieses Rates ist durch die Untersuchungen bei Haltern an der Lippe gewonnen, und es gereicht dem archäologischen Institut zur Befriedigung, dass seine ersten Schritte zur stärkeren Ausdehnung seiner Tätigkeit auch auf deutschen Boden zur unterstützenden Mitwirkung bei diesem Erfolge geführt haben.  

Eine ganze Reihe von Plätzen war früher ins Auge gefasst, an denen die Römer bei ihrem Vordringen nach dem Nordwesten Germaniens Fuß gefasst haben sollten. Es konnte aber nur zu Vermutungen führen, so lange die Technik archäologischer Untersuchung dabei nicht so, wie es erst jüngst möglich geworden ist, einigermaßen voll zur Anwendung kommen konnte. Sobald das geschah, wurde die Ansetzung von Römerfestungen, speziell an der Lippe, in anderen Fällen hinfällig, in einem Falle, eben bei Haltern, aber bestätigt. Als Karl Schuchhardt im Jahre 1899 im Auftrage der Altertums-Kommission zu Münster, deren rühriger Vorsitzender schon damals F. Philippi war, den wertvollen Angaben, die Oberstleutnant Schmidt in früheren Jahren geliefert hatte, folgend, auf dem Annaberge bei Berghaltern den Spaten ansetzte, begann er mehr und mehr den Beweis zu liefern, dass hier in der Tat eine römische Befestigung einst beistand. Er wurde aber auch bereits von Dr. Conrads, der längst den Altertümern um seinen Wohnort Haltern mit liebevollem Eifer nachgegangen war, auf eine Spur römischer Ansiedelung auch unterhalb des Annaberges hingewiesen, und als dann im Sommer 1899 der Münsterer Altertumsverein und das archäologische Institut im Vereine eine Studien-Bereisung des Lippelaufes veranstalteten, zu welcher mit Philippi und Schuchhardt, Koepp, Loeschcke, Ritterling und der Generalsekretär des Instituts sich vereinigten, wurde die Verfolgung dieser Spur beschlossen und das hat dann die Erkenntnis des Römerplatzes bei Haltern mächtig vervollständigt. Mit den vorher Genannten hat zuletzt im Sommer 1901 Oberstleutnant Dahm seine an den Limes-Untersuchungen bereits bewährte Kraft bei den Ausgrabungen eingesetzt. Indem auch er wenigstens in kurzer Angabe über seine Ergebnisse bereits berichtet hat, liefern die »Mitteilungen der Altertum-Kommission für Westfalen« nunmehr die Darlegung des bis zum Herbst 1901 Gewonnenen. So gut wie das ganze zweite Heft von 228 Seiten und 39 Tafeln ist dem gewidmet. Das Heft ist auch einzeln im Buchhandel zu haben.

Noch nicht erwähnt sind in dem Hefte nur die im Herbst v. J. von Friedrich Koepp fortgeführten Grabungen, welche das Terrain der römischen Siedelung als immer weiter sich ausdehnend gezeigt haben, und neue Ausgangspunkte der Untersuchung bieten, zu welcher die Münsterer Altertums-Kommission aufs Neue vorzugehen im Begriffe ist; denn je größer das bis jetzt Erreichte ist, um so unabweislicher ist die Forderung der Fortsetzung und Vollendung.  

Die Lage von Haltern, unweit einer scharfen Biegung des Lippelaufes, etwa 40 Kilometer aufwärts von Wesel, dem der Platz der Haupt-Römerfeste Vetera bei Xanten nahe gegenüber liegt, ist aus jeder Karte zu ersehen. Um die Lage der römischen Überreste bei Haltern zu veranschaulichen, wiederholen wir anbei das Kärtchen, welches zuerst zu Schuchhardt's Abhandlung in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie (8. März 1900) und dann wieder im zweiten Hefte der Mitteilungen der Westfälischen Altertums -Kommission als Tafel V erschien. Das Kärtchen zeigt aber nicht voll die höchst charakteristische Formation eines Flußtores, einer Porta Westphalica im Kleinen, auf dessen nördlicher Höhe, dem heutigen Annaberge, die, wie auch ich es nicht anders verstehen kann, erste Befestigung der Römer durch Drusus angelegt wurde. Kein Platz am ganzen Laufe der Lippe erscheint wie dieser geographisch prädestiniert zu einer militärischen Position, wie die Römer ihrer bedurften. Schon der Configuration des Terrains im Engeren und im Weiteren nach zu urteilen muss ein befestigter Platz jener Zeit hier der Haupt-Waffenplatz an der Lippe gewesen sein. Und nun haben die Ausgrabungen sehr umfangreiche Siedlungs- und Befestigungsreste hier zu Tage gebracht. Ich muss mich auch dazu bekennen, dass nach Allem, was wir in Anschlag bringen können, das vielgesuchte, ja auch sonst schon hier angesetzte Aliso in den Resten bei Haltern zu erkennen ist. »Wir haben die Ausgrabungen bei Haltern nicht begonnen, um Aliso zu finden«. Je erwünschter ein solcher Fund sein musste, um so zögernder sind wir mit der Behauptung, er sei gemacht, gewesen. Jetzt darf ich für die Begründung vornehmlich auf Schuchhardt's Abschnitt »die Aliso-Frage« und Philippi's und Ilgen's Nachweise über Lauf und Schiffbarkeit der Lippe a. a.O. S. 199ff. u. S. 3 ff. verweisen.  

Auf S. 175—198 daselbst ist von Schuchhardt das Kastell auf dem Annaberge eingehend beschrieben, das Ergebnis einer höchst mühevollen Nachforschung auf der durch Fichtengehölz unübersichtlichen und teilweise infolge starker Umwühlung des Erdbodens zur Steingewinnung besondere Schwierigkeiten bietenden Höhe. Nachgewiesen ist die Umwallung oder vielmehr ihr Graben so gut wie vollständig, nicht im rechteckigen Schema der römischen Lager, sondern im Anschlüsse an die Terrain-Höhenverhältnisse dreieckig verlaufend, nachgewiesen sind von Thoren zwei, von Türmen eine ganze Reihe, Spuren ferner der Pallisadierung. Vollendet ist die Untersuchung damit ja nicht.  

Wenn ich sagte, nachgewiesen sind die und die Teile der Befestigung, so weiß der mit solchen Untersuchungen Vertraute wie das zu verstehen ist. Wenn wir eine zwei Meter oder noch viel mehr dicke und aus stattlichen Quadern gebaute Stadtbefestigung auf griechischem Boden, wenn wir die Mauern auch eines römischen Kastells am Limes, wo die Anlagen von langer Dauer waren, nachweisen, so bietet sich da etwas sehr Handgreifliches, in der Hauptsache auch von einem Uneingeweihten nicht Misszuverstehendes. Anders hier bei Haltern. Bei der ersten sehr bald gewaltsam unterbrochenen und dann ganz vereitelten Festsetzung der Römer im nordwestlichen Germanenlande wurden die Befestigungen, wie anfangs auch an Donau und Rhein, mit dem nächstgebotenen Material und im Anschlüsse an die einheimische Art, die keine Steinkonstruktion kannte, aufgeführt: aus Erde der Graben und Wall, die weitere Befestigung und die Wohnbauten aus Baumstämmen, Reisig und Lehm. Für unsere Untersuchung ist es noch ein glücklicher Umstand, wenn die Anlagen durch Brand zerstört wurden und so wenigstens in Gestalt von Kohle und Asche nicht ganz verschwanden, während außerdem nur übrig sind die in dem Erdreiche gemachten Einschnitte oder Einsatzlöcher, bei denen der gewachsene Boden und die mit der Zeit sich bildende Einfüllung wenigstens von einander unterscheidbar bleiben, hier bei Haltern besonders deutlich, da der Naturboden ein rein gelber Sand ist, mit Schichtungen, die ihn zum Unterschiede von der Einfüllung charakterisieren.  

Hinzu kommen aber, außer derartigen Spuren der Bauanlagen, die an jedem Wohnplatze sich bildenden Ablagerungen von Resten des Besitzes, vor allem die wohl zerbrechlichen, aber darüber hinaus besonders unzerstörbaren Thongeräte, die Scherben. Diese unscheinbaren Zeugen der Vergangenheit werden durch die jüngst gesteigert ausgebildete vergleichende Beobachtung zum Sprechen gebracht, da, wo mit dem Fehlen des Steinmaterials unter den Resten auch die bequemer verständlichen Zeugnisse von Inschriften fehlen. Was in Thonscherben geritzt von Schrift vorkommt, ist meist nichtssagend. Nur das Stück eines Konsulatsdatums auf einem Weinkruge haben die Ausgrabungen bei Haltern bisher geliefert (7 vor Chr.), sonst fördern zahlreiche eingepresste Töpferstempel allerdings das Verständnis der Thongefäße, auf denen sie sich finden. Aber man weiß jetzt auch den Scherben, die solcher Zutat entbehren, etwas abzugewinnen, in ihrer Menge werden sie sogar zu Zeugnissen ersten Ranges, reichlich ebenbürtig den Metallarbeiten, unter denen die Münzen voranstehen, und Fabrikaten aus Glas oder geschnittenen Steinen. Alles der Art ist, weniger im Kastell auf dem Annaberge, aber in großen Mengen in der gleich weiter zu erwähnenden Ansiedlung nordostwärts davon gefunden und gesammelt. Ein »Museum« daraus ist in Haltern entstanden unter der Hut des dortigen neugebildeten Altertumsvereins, besonders seines unermüdlichen Vorsitzenden, Dr. Conrads. Und in der Publikation hat als Muster der Beobachtung und Bearbeitung Ritterling den gesamten Fundbestand behandelt (S. 107—174).  

Es soll hier nicht Schritt für Schritt der Verlauf der Untersuchungen dargelegt werden, auch nicht im Einzelnen, wie die durch die Menge der Fundstücke ausgezeichneten Anlagen nordöstlich vom Annaberge gestaltet erscheinen. Das Wichtigste ist, dass auf dem Plateau östlich von Forthmann's Gehöft die von doppeltem Graben umgebene Umwallung eines römischen Lagers in oblonger Grundform und von gewaltiger Größe vollständig verfolgt ist. Nachdem die Nordfront durch Einschnitte bereits festgestellt war, hat Dahm den ganzen Umfang der Lagerbefestigung nachgewiesen.  

Hierbei ist wichtig, dass Dahm zwei Perioden der erst etwas größeren, dann etwas kleineren Lageranlage dargetan hat. Und zwei Perioden, zwei Zerstörungen durch Brand, kann ich nicht anders, wenn auch nicht im Anschlüsse an alle Teilnehmer der Untersuchung, als ebenfalls in den Resten der Anlagen unmittelbar am alten Lippeufer erkennen, wo in der einen der zwei deutlich gesonderten Brandschichten Massen von verkohlten Weizenkörnern von römischen Magazinen herrühren.   Ich habe hier ein Auseinandergehen der Ansichten über die Fundergebnisse berührt. Den Kenner solcher Untersuchungen wird es nicht Wunder nehmen, und auch der Fernerstehende wird es als unvermeidlich begreifen bei der geschilderten Schwäche der von dem Verschwundenen gebliebenen Spuren. Ich halte es für gut und habe es zum Teil zu verantworten, dass Meinungsverschiedenheiten auch in der Publikation zur Aussprache gekommen sind, sowohl in Koepp's zusammenfassendem Berichte (S. 55 — 105), als auch in Anhängen von Loeschcke und Dahm (S. 216 ff.). Dominierend steht doch aus der für den Leser so entstehenden Unsicherheit heraus das große Resultat der starken römischen Befestigungs-Ansiedlung aus der ersten Kaiserzeit. Darüber besteht auch keine Meinungsverschiedenheit und kann keine bestehen. Dazu ist die Reichhaltigkeit der Funde zu groß und die wissenschaftliche Verwertung eine zu kenntnisreiche und gewissenhafte gewesen. Auch darüber, daß die gefundene Befestigungs-Ansiedlung das Aliso der Schriftquellen sei, ist meines Wissens keine Verschiedenheit der Überzeugungen unter allen Mitarbeitern, wenn die Neigung zur Aufstellung der These auch verschiedene Stärke hatte. Will man ferner den freilich ja gefährlichen Versuch der Historisierung der Fundtatsachen wagen, so ist es sehr verführerisch, der ausgesprochenen Vermutung — mehr kann es nicht sein — zuzustimmen, dass, wenn eine zweimalige Anlage mit zweimaliger Zerstörung wirklich auch bei Fortsetzung der Grabungen sich in größerem Umfange bestätigt, wir darin die Spuren des Drusus und Germanicus, der Schicksale ihrer Erfolge, vor uns haben.

 

aus: Archäologiechen Anzeiger - Beiblatt zum Jahrbuch des Archäologischen Instituts, 1902, S. 4ff