Dr. Johann-Sebastian Kühlborn

Johann-Sebastian Kühlborn (Bild: Halterner Zeitung)

 

Johann-Sebastian Kühlborn

Am Winckelmannstag 2008 wurde Dr. Johann-Sebastian Kühlborn Ehrenmitglied im Verein für Altertumskunde und Heimatpflege Haltern am See e.V.. Eine Würdigung seiner 30jährigen Tätigkeit als Provinzialrömischer Archäologe erschien im Neujahrsgruss 2009 der LWL-Archäologie für Westfalen und der Altertumskommission für Westfalen (Münster 2009, S. 130 - 132) und darf an dieser Stelle wiedergegeben werden:

"Dr. Bendix Trier, der Direktor des damaligen Westfälischen Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte in Münster, berichtete im Neujahrsgruß 1979:

„Als Nachfolger von Herrn Dr. Sigmar von Schnurbein hat Herr Dr. Johann- Sebastian Kühlborn am 1. Juni 1978 seinen Dienst angetreten. Bis dahin verantwortlich für die Untersuchungen des Rheinischen Landesmuseums Bonn im Archäologischen Park Xanten, musste er – kaum in der Germania libera angekommen – sogleich die Fortführung der dringenden Rettungsgrabungen im römischen Militärlager von Oberaden übernehmen.”

Manch rheinischer Kollege rieb sich damals verwundert die Augen. Wie kann jemand aus rheinischen Gefilden überwechseln nach Westfalen, völlig ungezwungen noch dazu? Am 30. September 2008 endete dieser „Dienst“. Dazwischen lagen 30 Jahre intensiver Grabungsaktivitäten in den römischen Lippelagern, die während der Germanienkriege (12 v. Chr. – 16 n. Chr.) der römischen Kaiser Augustus und Tiberius errichtet worden waren. Ohne diese festen Stützpunkte innerhalb Germaniens wäre eine Beherrschung des Landes durch die Römer niemals erreichbar gewesen.


In den letzten drei Jahrzehnten schienen für einen Grabungsarchäologen die Bäume gewissermaßen in den Himmel zu wachsen. Vor dem Hintergrund fehlender Arbeitsplätze auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt gelang es, das Mittel der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) gezielt für die Erforschung der römischen Lippelager zu nutzen. In einer neuartigen Kombination, in der die Sachkostenmittel durch das Land NRW und die Personalmittel durch die Arbeitsverwaltungen getragen wurden, verfügte das Referat Provinzialrömische Archäologie in den 80er- und 90er-Jahren über große Grabungsteams. Die Arbeitsverwaltungen stellten für meist sieben Monate im Jahr 70 bis 80 Mitarbeiter zur Verfügung. Auf diese Weise konnten an den römischen Militärstandorten in Haltern, Oberaden, Beckinghausen und Anreppen parallel zueinander intensive und zugleich großflächige Grabungen organisiert werden. Zu nennen sind hier vor allem die Arbeitsämter in Recklinghausen, Lünen, Kamen, Hamm und Paderborn, welche uns zwei Jahrzehnte lang entscheidend unterstützt haben.

Dank dieses Engagements wurde in Haltern am Rande einer römischen Heerstraße der römische Friedhof erforscht. Über 100 Gräber beziehungsweise monumentale Grabanlagen belegen, dass viele Personen in der germanischen und nicht mehr in ihrer heimatlichen Erde zur letzten Ruhe gebettet wurden. Auch im kleinen Uferkastell von Beckinghausen waren nach 80-jähriger Pause aufschlussreiche ABM-Grabungen im Ostteil des Lagers möglich. Das heutige Wissen über das Römerlager Oberaden ist entscheidend geprägt von den Grabungen, die mit der Unterstützung des Arbeitsamtes Hamm in den Jahren 1985 bis 2002 zustande kamen. Neben vielen anderen Baustrukturen und sonstigen Befunden sind hier vor allem die neuen Grundrisse des Praetoriums und der Principia zu nennen. Völlig überraschend stießen wir in Nähe des südlichen Lagertores auf villenartige, mit großen Gartenperistylen ausgestattete Häuser. Wer hätte je zuvor gedacht, dass die damalige militärische Führungsschicht bereits in der Frühzeit des Krieges, mitten in der Wildnis Germaniens, derartige Luxusbauten für sich in Anspruch nehmen konnte.

Auch die in den Jahren 1988 bis 2004 in Anreppen durchgeführten Grabungen lieferten erstaunliche Ergebnisse. Hatte man zuvor noch keinerlei Kenntnisse über den Innenausbau des Lagers, so ist heute gut ein Viertel der Lagerfläche untersucht und das mit erstaunlichen Ergebnissen. Die dabei freigelegten Kasernen und Häuser einiger Centurionen sind in einem römischen Militärlager nichts Ungewöhnliches.


In andere Sphären führt dagegen der monumentale Kommandeurspalast (Praetorium) von Anreppen. Um ihn errichten zu können, bedurfte es einer Grundfläche von circa 3.750 m². Nicht ein „normaler“ Kommandeur, sondern nur eine außergewöhnliche Persönlichkeit von überaus hohem Rang kann mit einem derartigen Großgebäude in Verbindung gebracht werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es sich dabei um Tiberius, den Adoptivsohn und späteren Nachfolger des Kaisers Augustus, gehandelt haben. Unweit des Praetoriums kam der vollständige Grundriss eines Thermengebäudes, das erste Militärbad in einem der Lippelager, zum Vorschein. Zu den Besonderheiten Anreppens zählen auch die Magazine am Süd- und am Osttor.


In der Hoffnung, neue Römerlager aus der Luft entdecken zu können, wurden 1983 anfänglich zusammen mit dem rheinischen Kollegen und Luftbildarchäologen Dr. Walter Sölter die ersten archäologischen Bildflüge gestartet. Seitdem lag die Durchführung der archäologischen Luftbildprospektion beim Referat Provinzialrömische Archäologie. Besonders in den Jahren 1984 bis 1989 wurde die Luftbildprospektion mit großer Intensität betrieben. Bei der Suche nach archäologischen Hinterlassenschaften aus der Vogelperspektive sind zwar neue Römerlager ausgeblieben, dafür gab es jedoch zahlreiche wichtige Entdeckungen neuer Bodendenkmäler, die von der Steinzeit bis ins Mittelalter reichen."


Am 30. September 2008 endete nun der am 1. Juni 1978 begonnene „Dienst“. Die Stadt Bergkamen verabschiedete „ihren Chefarchäologen“ offiziell am 23. September 2008 im Stadtmuseum mit der Verleihung der Silbermedaille der Stadt und der altehrwürdige, 1899 gegründete Verein für Altertumskunde und Heimatpflege Haltern am See e.V. hat den scheidenden Leiter der Provinzialrömischen Archäologie am Winckelmannstag 2008 die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Zuletzt war im Jahre 1955 Prof. Dr. August Stieren (1885- 1970), der erste Direktor des damaligen Westfälischen Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte, mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet worden.


Seit dem 1. Oktober 2008 führt der Leiter des LWL-Römermuseums, Dr. Rudolf Aßkamp, in Personalunion auch die Provinzialrömische Archäologie."

Wer sich den gesamte Neujahrsgruss 2009 vom Server der LWL-Archäologie für Westfalen ansehen möchte, bitte hier klicken.

 

 

 

 

Veröffentlichungen Dr. Kühlborns (Auswahl):

Kühlborn, Johann-Sebastian, Die kyprischen Grabreliefs, Frankfurt 1974

Kühlborn, Johann-Sebastian, Rom und Haltern, in: Beiträge zur Stadtgeschichte, Dülmen 1988, S. 41-79

Kühlborn, Johann-Sebastian, Zur Geschichte der augusteischen Militärlager in Westfalen , In: Bendix Trier (Hrsg.): 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989

Kühlborn, Johann-Sebastian, Das Uferkastell in Beckinghausen, In: Johann Sebastian Kühlborn (Hrsg.): Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Archäologische Stätten augusteischer Okkupation, Westfälisches Museum für Archäologie, Münster 1995

Kühlborn, Johann-Sebastian; Schnurbein, Siegmar v.: Das Römerlager in Oberaden 3. Die Ausgrabungen im nordwestlichen Lagerbereich und weitere Baustellenuntersuchungen der Jahre 1962-1988, Münster 1992, 2 Bde., (Bodenaltertümer Westfalens 27)