Joseph Niesert, der Herausgeber des ersten Halterner Heimatbuches

Im Jahre 1830 erschien in der Wittnevenschen Buchhandlung, Coesfeld, ein kleines, in schwarze Pappe eingebundenes Buch unter dem Titel: Über die Gründung des Cistercienser Nonnenklosters Marienborn und Verlegung desselben nach Coesfeld - Eine Historische Untersuchung mit Urkunden.

Herausgeber des Büchleins war ein Pfarrer: Joseph Niesert aus Velen. Dieses Büchlein ist die erste selbständige Veröffentlichung zu einem Thema unserer näheren Heimat. Deshalb kann man mit Fug und Recht vom ersten Halterner Heimatbuch sprechen. Das Buch selbst ist vielen Halterner Heimatforschern bekannt, in der Stadtbücherei Haltern steht ein (fotokopiertes) Exemplar jedermann zur Verfügung.

Titelblatt des Buches über die Gründung von Marienborn

Titelblatt des Buches über die Gründung von Marienborn

Joseph Niesert wurde am 27. November 1766 in Münster als ältestes Kind des Kupferschmiedes Bernhard Joseph Niesert geboren. Über seine Kindheit und Jugendzeit ist so gut wie nichts bekannt.

Mit 24 Jahren wurde Joseph Niesert, nachdem er seine Examina mit Auszeichnung bestanden hatte, am 20. September 1790 zum Priester geweiht. Im Jahre 1791 trat er eine Stelle als Kaplan in Drensteinfurt an. Mit Erfolg gründete Joseph Niesert dort eine Sonntagsschule. Diese Einrichtung verschaffte ihm große Anerkennung als Pädagoge, und als 1795 der Freiherr Paul Joseph von Landsberg-Velen einen Hofmeister und Erzieher für seinen 1788 geborenen. Sohn suchte, fiel seine Wahl auf Joseph Niesert. Am 19. Januar 1796 kam es zum Abschluß eines Vertrages und der Übersiedlung von Joseph Niesert nach Velen. Aber von Anfang an ergaben sich zwischen Joseph Niesert und seinem Dienstherrn Schwierigkeiten. Emil Kubisch schrieb dazu in einem Aufsatz (1) „Hier standen sich nun zwei in ihrem Wesen sehr ungleiche Partner gegenüber — der empfindsame, weltfremde Aristokrat — und der junge, selbstbewußte Kaplan, der schon pädagogische Erfolge aufzuweisen hatte und der zudem trotz konservativer Veranlagung wohl gewissen Gleichheitsgedanken der Französischen Revolution nicht abgeneigt war.“

Das sich unter solchen Parmern Schwierigkeiten ergaben, ist aus zwei Bestimmungen des Vertrages deutlich zu erkennen. Bei dem Fehlen sonstiger Nachrichten über Niesert aus jener Zeit mag auf diese aufschlußreiche Auseinandersetzung hier eingegangen werden. § 3 des Vertrages besagte, dass Joseph Niesert neben seinem sonstigen Gehalt die herrschaftliche Tafel erhält und auch den Caffee, sollte aberzuweilen der Fall eintreten, dass die herrschaftliche Tafel zu groß würde, obsonstige Umstände vorkommen, so speiset Joseph Niesert abgesprochenermaßen allein. Der junge Kaplan wollte also gesellschaftlich für voll angesehen werden und nicht bei jedem Besuch ohne weiteres von der Tafel verschwinden müssen. Es ist anzunehmen, dass dieser Vereinbarung Auseinandersetzungen vorangegangen waren, in denen der künftige Hofmeister seine Wünsche sehr nachdrücklich geltend gemacht hatte. Allerdings war es damals beim Adel vielfach üblich, den Hofmeister zum Bedientenpersonal zu rechnen und ihm einen Platz an dessen Tisch anzuweisen, wenn auch der sehr kirchliche Freiherr dem Geistlichen Herrn kaum solche Zumutungen gestellt haben dürfte. Der ausdrücklichen Vereinbarung wegen der Teilnahme an dem >Caffee< als engster Familienrunde dürften aber nicht unerhebliche Auseinandersetzungen vorausgegangen sein.

Auf die weiteren Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten, die die beiden miteinander hatten, soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Aber Joseph Niesert blieb in den meisten Auseinandersetzungen der Sieger, und so setzte er sich auch durch, als es im Jahre 1804 um die Neubesetzung der Pfarrstelle in Velen ging. Nach erneuten Auseinandersetzungen mit seinem Dienstherrn wurde er neben seinen Aufgaben als Erzieher des jungen Grafen auch noch als Pfarrer in Velen eingeführt.

Und schon sehr bald kam es zum Zerwürfnis zwischen der Gemeinde und dem neuen Pfarrer: Joseph Niesert hätte nämlich ohne Zustimmung der Gemeinde die alten Kirchenglocken zerschlagen lassen und neue bestellt. Die größte der neuen Glocken erhielt eine Umschrift: »... als Joseph Niesert Pastor in Velen war«. Die Kosten von 2200 Talern brachte Joseph Niesert dadurch auf, dass er den kirchlichen Wald an einen Holzhändler verkaufte. Der schlug alle Bäume, so dass es dort nur noch wertloses Gestrüpp und Kahlschlag gab. So kam es zum Rechtsstreit zwischen Pfarrer und Gemeinde, der erst nach Jahren beigelegt werden konnte.

Niesert wird zu jener Zeit von seinem ehemaligen Kaplan Weidlich als herrschsüchtig und rechthaberisch bezeichnet, der ständig „Ärger und Krakel“ mit seiner Gemeinde gehabt habe, aber keinen persönlichen Umgang«. Nach dessen Auskünften schloss sich Niesert vor seiner Gemeinde durch seinen „Küchendrachen“ ab. So blieb ihm Zeit für seine eigentliche Leidenschaft: dem Sammeln von Büchern, Urkunden, Manuskripten und anderen Altertümern. Und Joseph Niesert sammelte leidenschaftlich. Aber ebenso leidenschaftlich bearbeitete er das gesammelte Gut wissenschafflich und machte es somit der Öffentlichkeit zugänglich.

Er war Mitglied der Gesellschaft für Geschichte und Atertumskunde Westfalens. Zu seinen Interessen gehörten auch archäologische Fragen:

Repertorium der gesamten deutschen Literatur, 10.Band, Leipzig 1836

Repertorium der gesamten deutschen Literatur, 10.Band, Leipzig 1836

aus: Repertorium der gesamten deutschen Literatur, 10.Band, Leipzig 1836, S. 408/409

Welch ein fanatischer Sammler Joseph Niesert gewesen war, kam erst nach seinem Tode ans Tageslicht. Am 20. Mai 1841 richtete Joseph Niesert sein Testament auf. In diesem vermachte Niesert sämtliche von ihm kopierten Urkunden über die Herrschaft Gemen und Raesfeld dem Grafen Landsberg. Von seinem literarischen Kunstnachlass sollte ein vollständiger und instruktiver Katalog gedruckt an Antiquariate in Rheinland, Westfalen, in Sachsen, Hamburg und Bremen versandt werden«. Alles sollte durch einen vereidigten Auktionator nach diesem Katalog versteigert werden. Weiter war im Testament eine Armenstiftung von 3000 Talern festgesetzt, die auch weiblichen Personen, die „durch Verführung unglücklich geworden“, zugute kommen sollte. Ein gewisser Michael erhielt 38 Taler, auch drei Dienstmädchen und der Kuhhirt wurden bedacht.

Als Testamentsexekutoren bestimmte Niesert Vikar Brüggemann aus Werne und den Sekretär der Landsbergschen Verwaltung, Geißler. Knapp ein Vierteljahr später, am 14. Juni 1841, ereilte ihn im Alter von fast fünfundsiebzig Jahren nach kurzer Krankheit der Tod infolge eines „Schlagflusses“.

Als die Nachlassverwalter daran gingen, den im Testament geforderten Katalog zu erstellen, wussten sie noch nicht, welche Aufgabe sie vor sich hatten. Sie beauftragten den Rektor der Borkener Rektoratschule, Joseph Starking, mit der Erstellung des Kataloges. Die Ablieferung des Manuskriptes sollte am 1. Januar 1842 stattfinden. Aber erst fünf Monate später konnte Joseph Starking den Vollzug seiner Arbeit vermelden.

Titelblatt des Niesertschen Versteigerungskataloges

Titelblatt des Niesertschen Versteigerungskataloges

 

Joseph Niesert hinterließ laut Katalog: 16.366 Bände Bücher; 322 Handschriften; 600 Urkunden und Urkundenkonvolute; 8.432 Münzen, davon viele in Gold und Silber, davon 43 Silbermünzen aus der Zeit Kaiser Antonius Pius‘ (138—161), gefunden 1832 auf dem Annaberg bei Haltern; 400 Holzschnitte; 800 Kupferstiche; 32 römische und germanische Heiligtümer, darunter wird aufgeführt „der obere Teil einer großen Amphore“, 1836 auf dem Annaberg bei Haltern gefunden; 450 Siegel, abgeschnitten oder abgelöst von Originalurkunden; 1261 Siegelabgüsse; 450 Abgüsse vom gelehrten Siegel; 500 unsortierte Siegelabgüsse; 5.000 Wappen; 2.300 Abgüsse von antiken Gemmen; zwei Schränke mit einer Muschelsammlung; zwei Schränke mit einer Mineraliensammlung sowie ein Herbarium. Seine Sammlung wurde weit verstreut.

Mit dieser ungeheuren Bibliothek und seinen Sammlungen konnte Niesert bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten natürlich aus dem vollen schöpfen. Er veröffentlichte während seines Lebens eine große Anzahl von Aufsätzen und schrieb über dreißig Bücher. Es verwundert nicht, dass der Büchersammler sich auch mit der Geschichte des Buchdrucks beschäftigte (2). Aus seiner Münzsammlung entstanden seine "Beiträge zur Münzkunde des ehemaligen Hochstifts Münster von der ältesten Zeit bis zur Verweltlichung desselben", Coesfeld 1838 (3). Auf den ersten Seiten des Buches listet er alle die Bücher zur Münzkunde auf, die sich zum Zeitpunkt der Drucklegung in seinen Besitz befanden. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen gehören die „Beiträge zu einem münsterischen Urkundenbuch" (4).

Abbildung des Titelblatts des siebten Bandes, Coesfeld 1937 

Von seiner Büchersammlung stehen heute etwa 50 Inkunabeln in der Bodleian Library in Oxford (5) ( Inkunabeln = Wiegedrucke, vor 1500), in der British Library London (6) und der Royal Library Albert I Brüssel (7), in einer weiteren Bibliothek in Brüssel (8), weitere befinden sich in der Universitätsbibliothek Münster (28 aus der "Bibliotheca Paulina" und weitere aus der Collectio Erhard). Bücher aus seiner Sammlung tauchen noch heute auf dem Kunstmarkt auf.

Als im Jahre 1829 ein Lehrer namens Marx die Geschichte des Coesfelder Gymnasiums herausgab (9) und in diesem Buch auf einen angeblichen Fehler in Nieserts Veröffentlichung hinweist, fühlte sich dieser in seiner wissenschaftlichen Ehre tief getroffen. Niesert musste anworten, er entwarf zunächst eine Erwiderung „für irgendeine vaterländische Zeitschrift“, verwarf diesen Plan aber und schrieb als Erwiderung und Richtigstellung unser eingangs erwähntes Büchlein nieder.

Heute ist Niesert der breiteren Öffentlichkeit nicht mehr bekannt. Nur Heimatforscher kennen noch seinen Namen. Auch ein Portrait ist nicht von ihm überliefert. Aber immerhin verdanken wir ihm und seinen charakterlichen Schwächen das erste Halterner Heimatbuch.

 

1. Kubisch, Emil: Pfarrer Joseph Niesert in Velen/ein münsterländisches Gelehrtenleben der Spätromantik. In: Westfälische Zeitschrift Nr. 117, S. 3—48.

2. J. Niesert, Beiträge zur Buchdruckergeschichte Münsters, Coesfeld 1828

3. J. Niesert, Beiträge zur Münzkunde des ehemaligen Hochstifts Münster von der ältesten Zeit bis zur Verweltlichung desselben, Coesfeld 1838 (Auszug)

4. Niesert, Jh. Hnr. Jos.: Beiträge zu einem Münsterischen Urkundenbuche, aus vaterländischen Archiven gesammelt. Bd. 1, in 2 Abt. Münster 1824.

5. Web-Seite der Bodleian Library, Oxford

6. Web-Seite der British Library, London

7. Web-Seite der Royal Library Albert I, Brüssel

8. Web-Seite des Centre International de Codicologie asbl, Brüssel

9. E. Marx: Geschichte des Gymnasiums in Coesfeld, Coesfeld 1829.

 

 

Wiedergabe des im Vergleich zur Erstveröffentlichung ( Bernard E. Köster im Halterner Jahrbuch 1993) erweiterten Textes auf dieser Seite mit Genehmigung des Autors;