Wat Uhl un Ekboom vertellen

Beiträge zur Geschichte der Stadt Haltern - Band 7 - Bernhard E. Köster, Haltern am See 2000, Preis 16,80 Euro

Leseprobe

 

Wie das Lohmännchen den Jan Behrend bestrafte

Vor vielen Jahren lebte in Lavesum ein fleißiger Knecht namens Jan Behrend. Nachdem er zwölf Jahre seinem Herrn treu und brav gedient hatte, schenkte dieser seinem fleißigen Knecht ein Grundstück für ein Heuerlingshaus, so dass er endlich ein Mädchen aus dem nahen Sythen, das er seit langem liebte, heiraten konnte. Hocherfreut begann Jan Behrend mit dem Hausbau. Der Grund, auf dem er bauen konnte, lag nicht unweit der Helenenhöhe, fast unmittelbar am Lochtruper Kirchweg. Deshalb schlug er auch sein Bauholz auf diesem Hügel.

Eines Tages, als er wieder bei der Arbeit war, sah er vor einem besonders schönen Baum ein kleines Männlein sitzen, das ihn ansah und sprach: „Lass diesen Baum stehen, denn er gehört mir und meiner Familie“, doch der Knecht lachte nur, schwang die Axt, und bald fiel der Baum zu Boden und das Männlein war verschwunden.

Stolz baute der Knecht sein Heuerlingshaus, und kaum war es fertig, wurde der Termin für die Hochzeit festgesetzt. Drei Tage, bevor es soweit war, machte sich der Knecht auf den Weg in die Stadt Haltern, um dort bei einem Kaufmann ein neues Hemd für Polterabend und Hochzeit zu erwerben. Auf dem Rückweg durchs Loh sah er wieder das kleine Männlein, das dieses Mal ein sogenanntes „Buckstölken“ (Hocker) unter dem Arm hatte. Mitten auf dem Wege stehend, blickte es den Knecht an und fragte: „Was hast Du da?“ „Das geht dich nichts an,“ erwiderte der Knecht und ging an dem Männlein vorbei. Aber das Männlein überholte ihn, setzte sich erneut mitten auf den Weg und forderte Jan Behrend nun auf, sich einmal auf das Buckstölken zu setzen. Der Knecht ging wie zuvor um das Männlein herum und setzte erneut seinen Weg fort. Doch wieder überholte ihn das Männlein, und wieder wich der Knecht aus. Dieses Spiel wiederholte sich viele Male. Dem Knecht wurde es nach und nach immer unheimlicher, zumal der Abend nahte und die Nebel begannen, das Land mit ihren Schleiern zu überziehen.

Endlich erreichte Jan Behrend den Hof seines Herrn, doch bevor er die Umfriedung betreten konnte, überholte ihn noch einmal das Männlein, rief mit laut donnernder Stimme: „Halt!“ und riss dem verwirrten Knecht mit einem Ruck das neue Hemd unter dem Arm weg. Dann setzte es sich auf das Buckstölken und schaute den Knecht herausfordernd an. Der stand außer Atem vor dem kleinen Kerl und wagte es nicht, sich in irgendeiner Form zu rühren.

Das Männlein grinste, breitete das Hemd über seine Knie aus, strich mehrmals über den schönen neuen Stoff, dann plötzlich blies es so kräftig in das Hemd, dass es sich um den Kopf des Knechtes herumwickeite und er einen Augenblick nichts sehen konnte. Kaum hatte er sich befreit, war das Männlein verschwunden.

Nach einer unruhigen Nacht zog der Knecht am nächsten Morgen das neue Hemd an, und nach einem kräftigen Frühstück machte er sich auf den Weg nach Sythen, um am Wohnsitz seiner Braut den Polterabend feiern zu können. Unterwegs wurde ihm jedoch übel, es wurde ihm warm, der ganze Körper begann zu fiebern, und nur mit Mühe erreichte er das Haus seiner Brauteltern. Beim Betreten des Hauses brach Jan Behrend zusammen und war tot. Als man ihn aufbahrte, stellte man erstaunlicherweise fest, dass sich das neue Hemd blutrot gefärbt hatte, ohne dass sein Körper auch nur die geringste Wunde aufwies.

 

Der Schatz unter dem Sythener Stein

Wie ganz alte Sythener früher berichteten, befindet sich unter dem Sythener Opferstein ein großer Goldschatz, den einst ein Heidenfürst unter diesem vergraben ließ. Nur an einem bestimmten Tag im Jahr, bei Vollmond, hebt sich um Mitternacht für kurze Zeit der Stein und gibt seine Schätze frei. Wer dann zufällig an diesem Ort weilt, darf von den Schätzen nehmen, soviel er will. Er muss dieses jedoch schweigend tun, sonst begräbt ihn der Stein auf ewig.

Zwei Sythener Bauern beschlossen einst, den Schatz zu heben. Jede Nacht wachten sie an dem Stein, bis es endlich soweit war. Im hellen Mondlicht erhob sich plötzlich und völlig geräuschlos der Stein in die Höhe und gab durch einen mannsbreiten Spalt den Blick frei auf ungeheuere Schätze, die nun im Mondlicht glitzerten und glänzten. Der gewaltige Reichtum ließ die beiden Bauern jede Angst vergessen, der eine von ihnen zwängte sich durch den Spalt und begann, seinen Beute! zu füillen. Ungeduldig wartete der Gefährte darauf, dass der Vorangegangene endlich für ihn beiseite rücken würde, da hörte er ihn sagen: „Nun hab‘ ich alle Taschen voll."

Begleitet von einem schallenden Gelächter begrub laut krachend der Stein in selbiger Sekunde den armen Bauern. Entsetzt eilte der Freund den Berg hinab, noch immer das Gelächter im Ohr. Nie wieder hat man etwas von seinem Begleiter gehört.

 

Die Legende von der Wiederauffindung des Halterner Kreuzes

In der Frühe des 5. September im Jahre des Herrn 1695 brach der Halterner Pfarrer Notteboom, gezeichnet von der Not und dem Elend, das unsere Stadt seit geraumer Zeit heimsuchte, am Altar der St. Sixtuskirche zusammen und verstarb binnen weniger Minuten in den Armen seines Sakristans Nicolaus Ekell. Da wenige Tage vorher die große Glocke unheilverkündend gesprungen war, wurde dieser Umstand nun als Vorankündigung noch größeren Unheils gedeutet. Deshalb wurde wenige Monate später der neue Pfarrer He!senborg denn auch mit gemischten Gefühlen empfangen. Doch zunächst schien es, als sollte sich alles zum Besseren wenden. Achilleus Helsenborg war ein tatkräftiger Mann, der es verstand, Kräfte zu mobilisieren, und es gelang ihm überraschend schnell, Gelder für eine neue Glocke aufzutreiben, und schon im nächsten Jahr zu Ostern sandte diese ihre Grüße über Stadt und Land.

Aber die Freude war nur von kurzer Dauer, denn wenige Tage darauf zersprang nochmals eine der ursprünglichen Glocken. Zwei Jahre später brachen Kirchendiebe in die Sakristei ein, raubten die Monstranz, vier Mess- und zwei Kommunionkelche, zwei silberne Kännchen, ein silbernes Krankenkreuz, mehrere wertvolle Medaillen und ein silbernes Ölgefäß. Und um das Unglück noch zu vervollständigen, stellte kurz darauf auch noch die altehrwürdige Orgel für immer ihren Dienst ein.

Doch Pfarrer Helsenborg ließ sich nicht unterkriegen, er verwendete sogar sein eigenes Vermögen, um die Schäden zu überwinden bzw zu ersetzen. Durch sein Beispiel angeregt, veränderte sich auch das Verhalten seiner Gemeinde. Bürgermeister und Räte, Bürger und Pilger, ja sogar der Fürstbischof, sie alle spendeten, um die in Not geratene alte St. Sixtuskirche zu retten.

Es grenzte scheinbar an ein Wunder, denn bald waren all die Unglücke vergessen und die Schäden ersetzt. Im Jahre 1719 konnte der rührige Pfarrer sogar den neuen Altaraufsatz aus der Antwerpener Schule des 16. Jahrhunderts für die unerhörte Summe von 788 Talern erwerben, der bis heute unsere St. Sixtuskirche ziert.

Hocherfreut über den neuen Altar beschlossen die Kirchenoberen, das alte Gabelkruzifix, das nicht mehr dem „Zeitgeist“ entsprach, auf den Dachboden des alten Glockenturms zu verbringen. Es gingen einige Jahre dahin, das alte Kreuz schien längst vergessen, da machten es wohl ein paar undichte Dachziegel nötig, dass der eingangs erwähnte Sakristan Nicolaus Ekell sich der Mühe unterziehen musste, die langen Leitern zum Turmdach hinauf zu steigen. Oben angekommen begann sich der alte Mann umzusehen. Doch einen Augenblick später schaute er nicht mehr nach Undichtigkeiten im Dach, er fiel ein Wunder schauend auf die Knie. Von dem alten Gabelkruzifix, das verloren in einem dunklen Winkel des Turmes stand, ging ein Leuchten aus, wie er es noch nie gesehen hatte und das sich aus den Wundmalen des Gekreuzigten verbreitete. So schnell es ging, stieg der Sakristan nach seinem Gebet wieder die Leiter hinab und benachrichtige Pfarrer Helsenborg sowie die Bürgermeister Heinrich Kremer und Hermann Heinrich Moll. Nachdem auch diese das Lichtwunder geschaut hatten, verbreitete sich die Kunde davon in der ganzen Stadt.

Ehrfurchtsvoll wurde das Kreuz vom Dachboden geholt, gereinigt und von da an auf dem Johannesaltar ausgestellt wo es verblieb, bis die alte St. Sixtuskirche im 19. Jahrhundert abgerissen und durch die jetzige ersetzt wurde. Tief beeindruckt von dem Geschehen schrieb Nicolaus Ekell noch am selbenTage folgenden Text in das Kirchenbuch nieder:

„Im Jahre des Herrn siebzehnhundertsechsundzwanzig, dem 5. September, am Feste des heiligen Bischofs und Bekenners Laurencius Justiniani wurde der Pfarrgemeinde St. Sixtus in Haltern durch ein Lichtwunder das vierhundertlährige ehrwürdige Kreuz des Herrn, nachdem es sieben Jahre in der Verborgenheit des Glockenstuhis der Pfarrkirche gestanden hatte, wiedergeschenkt. Wir wollen es von nun an das Wundertätige nennen. Dem Herrn sei Lob und Dank."